Während ich darüber nachdenke, was genau meine Meinung zu der gefühlten (und praktizierten) Glorifizierung der Frau durch männliche Feministen ist, läuft in meinem Kopf eine freie Interpretation von Er denkt, Sie denkt von den Toten Hosen. Talk about Multitasking.

Nachdem ich diese Zeilen geschrieben habe, höre ich mir das Lied noch einmal in Gänze an, dass nicht die Freiheit meiner Interpretation mir einen Streich spielt. Information is key.

Und jetzt los?

Ich sehe mich konfrontiert mit zwei Meinungen, die ich teile, die allerdings unvereinbar scheinen.

Auf der einen Seite schreibt Nils Pickert bei pinkstinks über seine Heldin und sich. (Wow, so umformuliert klingt das tatsächlich weniger positiv als der Originaltitel „Meine Heldin und ich“. Was so ein Perspektivwechsel doch ausmacht.)

Er schreibt darüber, dass er sich als Mann wesentlich weniger Mühe geben muss als seine Frau (aka seine Heldin). Seine Frau muss aus seiner Sicht mehr leisten, um als gleichwertig wahrgenommen zu werden.

In ihrer Welt ist es viel zu häufig nicht einmal ausreichend, die professionellste, klügste, anpackendste, witzigste oder mitfühlendste Person im Raum zu sein, um Gehör und Beachtung zu finden.

Dazu ein Bild, auf dem der Spruch prangt:

Carry yourself with the confidence of a mediocre white man.

BAM. Sitzt erst mal. Spätestens seit der Debatte zur Frauenquote höre und lese ich immer wieder die auf die ein oder andere Weise formulierte Kritik:

Frauen müssen Außergewöhnliches leisten, um bei der Vergabe eines (Führungs-) Postens einem mittelmäßig begabten (weißen) Mann vorgezogen zu werden.

Das sitzt auch. Besonders in meinen Zwanzigern machte mich, damals im Studium ohne nennenswerte Berufserfahrung, so etwas natürlich wütend. Heute, mit Berufserfahrung in unterschiedlichen Unternehmen und Branchen, halte ich es für eine Überspitzung, die notwendig ist, um auf das eigentliche Problem des (bisweilen missbrauchten) Machtgefälles aufmerksam zu machen.

Auf der anderen Seite nun schreibt Christian Schmidt in seiner Antwort auf den Text über jemandes Heldin und jemanden (wieder macht der Perspektivwechsel etwas mit mir – banalisiert er das Thema?):

Aber ich brauche diese Männerabwertung nicht und ich muss auch nicht künstlich Frauen zu Heldinnen machen.

Das ist keine Gleichberechtigung. Das ist ein Kult, in der der Mann der Sündenbock und die Frau die erlösende Göttin ist.

Hm. Hat er auch irgendwo Recht. Es bringt nichts, als Antwort auf jahrhundertelange patriarchische Unterdrückung nun ins genaue Gegenteil umzuschwingen. Wir sind hier ja nicht bei ‚Auge um Auge‘, sondern bei  – ja, wo eigentlich?

Bleibt es deswegen dabei?

Er denkt: Sie begreift mich nie.
Sie denkt: Was ist mit ihm los?

Natürlich nicht. Sollte es zumindest nicht.

Es geht hier doch – bei allem medialen Geschlechterbashing, aller Übertreibungen und Überspitzungen, bei allem Laut-Werden, um endlich gehört zu werden und bei allem Werben für Verständnis auf beiden Seiten – nicht um eine unüberwindbare Mauer zwischen Mann und Frau.

Wir haben vergessen, was Respekt bedeutet und bewirkt: dass es ein respektvoller Umgang miteinander ist, der ein gleichberechtigtes gesellschaftliches Zusammenleben möglich macht.

Ob es nun in der Bahn ist, im Büro, im Bekanntenkreis oder, oder, oder: Man muss sich nicht jeden Respekt verdienen. Es gibt eine Art Grundrespekt vor dem Gegenüber (Lebewesen insgesamt), der Rest ist von mir aus Bonus und etwas, das man sich verdienen kann. So zumindest meine Zukunftsvision.

Unabhängig vom Geschlecht legt in meiner Zukunftsvision niemand im Bewerbungsgespräch die Füße auf den Tisch. Und niemand legt sie dazu. Das ist weder souverän noch gleichberechtigt.

Nils Pickert:
Nun könnte man einwenden, dass das einfach unser Ding ist. Wir sind eben verschieden, introvertiert versus extrovertiert, Rocktragen bringt mehr Aufmerksamkeit und was nicht alles. Stimmt aber nicht. Es ist eine Geschlechterkiste. Wenn eine Kollegin mir erzählt, dass sie ein Bewerbungsgespräch mit einem leitenden Redakteur hatte, der die Füße auf den Tisch gepackt und sich über ihren Lebenslauf lustig gemacht hat, dann denke ich nicht mit Schrecken daran, dass mir das auch passieren könnte. Ich überlege, dass ich womöglich meine Füße dazugepackt und den Job genau deshalb bekommen hätte.

Christian Schmidt:
Und das wäre auch die bessere Lösung, weil souveräner.

Souveräner? Mir scheint es eher in jeder Hinsicht feige, denn es übertüncht Unsicherheit. Je mehr Macht flöten zu gehen scheint, desto krampfhafter will man sie erhalten. Das ist menschlich, aber kurzsichtig.

Lösen sich also alle Probleme respektvoll in Luft auf?

So schön ich mir das vorstelle, so einfach ist es nicht. Dennoch lohnt ein Blick auf sich selbst und die Auseinandersetzung mit den eigenen Verhaltensweisen. Deswegen halte ich Nils Pickerts Text für einen tollen Artikel. Er reflektiert über die Grenzen seiner Beziehung hinaus, ob sich da wohl Muster finden lassen in der Ungleichberechtigung. Und siehe da: sie lassen sich finden.

Christian Schmidts Antwort ist ebenfalls lesenswert, denn sie erinnert daran, dass man es mit der Selbstreflexion auch übertreiben kann. Dann ist sie in jedem Fall schädlich für einen selbst, weil sie in Selbstabwertung übergehen kann. Gesellschaftlich schädlich wird sie, wenn Selbstreflexion zur Messlatte und mit Selbstabwertung gleichgesetzt wird; und ich nur noch dann gut bin, wenn ich mich möglichst schlecht mache.

Wenn Männer in der Diskussion um Gleichberechtigung nur dann Gehör finden, wenn sie laut „mea culpa!“ schreien, hat doch keiner was gewonnen. Es bringt aber genauso wenig, beim kleinsten Anzeichen, man könnte auf einen gesellschaftliche Missstand aufmerksam gemacht werden, gleich alles niederzubellen (siehe Jens Jessens Wutausbruch).

Deswegen: Respekt zeigen. Machen wir das doch alle mal.